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Kinderbücher: „Hey, ich bin nicht allein“

31.03.2025

Wie sich Kinder beim Lesen die Welt erschließen und nebenbei Unterstützung holen: Interview mit Germanistin Mirjam Burkard zum Tag des Kinderbuchs.

Mirjam Burkard sitzt mit einem Buch in der Hand in einer Fensternische

Mirjam Burkard erinnert sich an viele Lieblingsbücher aus ihrer Kindheit. | © LMU

Am 2. April ist der Tag des Kinderbuchs. Dr. Mirjam Burkard, Dozentin für Deutschdidaktik und Akademische Oberrätin am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur sowie des Deutschen als Zweitsprache an der LMU, erklärt im Interview, warum Vorlesen und Lesen Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt.

Wie trägt Kinderliteratur dazu bei, wie sich Kinder die Welt erschließen?

Mirjam Burkard: Bücher bieten Kindern einerseits die Möglichkeit, sich Wissen über die Welt anzueignen. Andererseits bekommen Kinder dadurch auch Einblick in gesellschaftliche Strukturen, was sich wiederum auf ihr Selbstverständnis auswirkt: Wie verstehe ich mich im sozialen Raum? Wie handle und interagiere ich und warum? Es geht darum, seinen Platz zu finden und darüber zu einem Verständnis der Welt zu kommen.

Bücher eröffnen Kindern die Möglichkeit, sich in die Figuren, die sie in den Texten kennenlernen, hineinzuversetzen, sich mit ihnen zu identifizieren, aber vielleicht auch, sich von ihnen zu distanzieren. Das große Potenzial von Literatur besteht ja auch darin, dass die Kinder, wenn sie in eine neue oder herausfordernde Situation kommen, sich auch über Geschichten damit auseinandersetzen können: Geht es der Figur womöglich wie mir? Wie löst sie das Problem? Kann ich mir daran ein Beispiel nehmen?

Es geht beim Vorlesen also nicht nur darum, früh die Lesekompetenz zu fördern?

Für das spätere eigene Lesen ist es natürlich wichtig, dass Kinder relativ früh mit Büchern und den Geschichten darin in Kontakt kommen, weil sie dadurch merken: Bücher öffnen mir Welten. Ich kann abtauchen, loslassen, was anderes kennenlernen, ich kann lachen, mich gruseln, Spannendes erleben und Wissen aufbauen. Diese Erfahrung braucht man, um sich später in Geschichten vertiefen zu können. Wenn ich als Kind diese Lust aufgebaut habe, bringe ich in der Schule eher die Motivation auf, Lesen zu lernen, obwohl das mühsam und nicht immer einfach ist. Aber Lesen von Literatur kann eben auch Respekt gegenüber anderen fördern, Empathie schulen und Möglichkeiten der Identifikation bieten.

Bücher: Spiegel und Fenster zugleich

Wie spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen in Kinderbüchern wider? Haben Sie Beispiele?

Aktuell gibt es beispielsweise immer mehr Bücher, in denen Vielfalt in einer Gesellschaft als selbstverständlich dargestellt wird, statt zu vermitteln: Es gibt die einen und die anderen. Dadurch kann ein Kind, das möglicherweise Diskriminierungserfahrungen macht, das Gefühl bekommen: Hey, ich bin nicht allein. In dieser Geschichte gibt es auch so jemanden wie mich, der mir zeigt, wie ich damit umgehen kann.

Aus meiner Sicht sind Bücher am besten, in denen das nicht plump problematisiert und so die negative Erfahrung womöglich noch verstärkt wird. Natürlich braucht es auch Bücher zu und über bestimmte Problemthemen. Das ist wichtig, damit Kinder, die nicht in dieser Situation sind, diese nachvollziehen können. Auch ist es für Kinder wichtig, in Geschichten zu sehen, dass es nicht nur das eigene soziale Umfeld gibt, sondern beispielsweise auch andere Formen des Zusammenlebens als das heteronormative Familienbild, das häufig vermittelt wird. Nur so haben Kinder die Möglichkeit, ihren Blick zu weiten, anderen offen und tolerant zu begegnen.

Sie meinen, Bücher können die Welt öffnen über das eigene Erleben hinaus?

Genau. Eine amerikanische Forscherin hat einmal gesagt, Bücher sollen Spiegel und Fenster sein. Ein Spiegel, in dem sich die Kinder selbst sehen und finden. Und ein Fenster, das den Blick für Neues öffnet.

Und wie gut leistet das die aktuelle Kinderliteratur?

Da bin ich zwiegespalten: Es gibt sehr positive Beispiele, die Bekanntes und Vertrautes mit Neuem verbinden und den Blick weiten. Auf der anderen Seite gibt es Verlage, die auf die „Wattebauschwelt“ setzen, in der nichts Schlimmes passieren darf. Damit meine ich nicht, dass es nicht auch Bücher geben darf, in denen alles gut ist. Auch die brauchen wir. Aber die Lebensrealität sieht eben oft anders aus.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder Bücher brauchen, in denen sie sehen, dass nicht immer alles rosig ist, Probleme aber gelöst werden können. Wenn ich Kindern nur Heile-Welt-Bücher zum Lesen gebe, bleibt viel auf der Strecke, was für ihre Entwicklung wichtig wäre.

Also sollte Kinderliteratur auch dazu beitragen, dass sich Kinder darüber mit Herausforderungen des Lebens auseinandersetzen können?

Ja, und das wirklich in der ganzen Themenvielfalt. Nehmen Sie zum Beispiel Bilderbücher zum Thema Tod: Es gab und gibt immer noch Stimmen, die meinen, damit könne man ein Kind nicht konfrontieren. Aber was ist, wenn zum Beispiel die Großeltern sterben? Dann ist ein Kind in einer neuen Situation, in der die Eltern auf einmal anders, vielleicht nicht so zugänglich sind, weil sie selbst trauern. Ein Bilderbuch darüber bietet eine Möglichkeit zu sehen: Das passiert nicht nur mir. Wenn ich verstehe, dass es normal ist, steht nicht plötzlich die ganze Welt auf dem Kopf.

Auch der Tod eines Haustiers ist Teil der Lebenswelt vieler Kinder. Es kann sie völlig aus der Bahn werfen, wenn etwa ein Hund plötzlich nicht mehr da ist. Und da ist es wichtig, dass sie in den Büchern Figuren finden, denen dasselbe passiert, die trauern und Wege finden, mit dem Verlust umzugehen.

Klassiker: ganz unterschiedliche Geschichten

In den Buchhandlungen liegen viele Klassiker, auch solche, die sehr idyllische Welten beschreiben.

Wir brauchen beides! Auch Astrid Lindgren hat idyllische Geschichten geschrieben. Schöner als die Bullerbü-Bücher geht es ja eigentlich gar nicht: Die Kinder erleben gemeinsam etwas und gehen danach zurück auf ihre Höfe. Auf der anderen Seite sind da Lindgrens Texte wie „Mio, mein Mio“ oder die „Brüder Löwenherz“. Lindgren fängt die Schwere des Pflegekind-Daseins oder den Tod des Bruders durch den Wechsel in eine fantastische Welt ab.

Eine problemorientierte Geschichte für Kinder braucht auch immer eine Form der Entlastung und sollte nicht durchweg traurig sein.

Wie kommt es, dass sich manche Werke über Jahrzehnte halten und über Generationen hinweg gelesen werden?

Das ist oft schwierig nachzuvollziehen und von ganz unterschiedlichen Faktoren abhängig. Wenn man sich zum Beispiel „Harry Potter“ ansieht oder auch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel, das mittlerweile auch als moderner Klassiker gesehen werden kann, dann sind das sehr unterschiedliche Geschichten. Es kommt, glaube ich, neben der erzählerischen Qualität zentral auf die Heldenfigur an. Bei Steinhöfel geht es um zwei Jungen. Einer, der „tiefbegabt“ ist, dem Lernen und Orientieren schwerfallen, und der sich mit Oskar anfreundet, der hochbegabt ist. Die beiden ermitteln detektivisch. Und der Text zeigt, dass der eine nicht ohne den anderen kann, dass sie sich ergänzen.

Oder Pippi Langstrumpf: eine Geschichte, von der angenommen wurde, dass sie nie sonderlich gut ankommen wird. Und dann ist sie zu dem Kinderbuchklassiker schlechthin geworden.

Bitten um die nächste Folge

Entwickeln sich bestimmte Trends, sobald ein Buch erfolgreich ist?

Ja, zum Beispiel bei „Gregs Tagebuch“, einem Comic-Roman, den Jeff Kinney eigentlich für Erwachsene geschrieben hatte, der aber von Kindern gelesen wurde und wird. Nach dessen Erfolg sind viele Tagebücher in Comicform erschienen. Wenn ein Buch gut ankommt, springen andere auf und versuchen, an den Erfolg anzuschließen. Oft erscheinen Folgebände, obwohl das ursprünglich nicht geplant war, und das Buch wird verfilmt. Ein Medienverbund entsteht in der Kinderliteratur heute relativ schnell. Ein anderes Beispiel sind die Ella-Bände von Timo Parvela: Eigentlich wird das Leben eines Mädchens im schulischen Kontext erzählt. Ellas Klassenkamerad namens Pekka, dem alles schwerer fällt, ist in den Ella-Bänden zu einer so beliebten Figur geworden, dass Parvela dann auch Geschichten aus der Sicht von Pekka in weiteren Büchern geschrieben hat.

Die Leserschaft redet also ein Wörtchen mit, wie es mit einem Buch und seinen Figuren weitergeht?

Manchmal ja. Schon bei Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ war das beispielsweise so. Er wollte eigentlich nach dem ersten Band keinen weiteren schreiben. Sieben Jahre später kam dann ein zweiter Band, weil die Kinder ihm in Briefen schrieben, dass sie sich weitere Geschichten rund um Kasperl, Seppel, die Großmutter und natürlich Hotzenplotz wünschten. Den dritten Band hat er dann im Vorwort allen Kindern gewidmet, die ihn so sehr darum gebeten hatten, einen weiteren zu schreiben. Gleichzeitig kündigte er an, dass das nun auch wirklich der letzte Band sei.

Spielt bei den Klassikern auch eine Rolle, dass die Eltern diese noch aus ihrer Kindheit kennen und gern nochmal lesen?

Aus Sicht der Lesesozialisation sicherlich: Wenn ich aus der Kindheit ein Buch kenne, erinnere ich mich in den meisten Fällen an eine Situation der Geborgenheit und Nähe, als meine Eltern, Großeltern oder Geschwister mir vorgelesen haben. Dann verbinde ich mit dem Buch etwas Positives, das ich als Elternteil gerne meinen Kindern weitergeben möchte. Wichtig ist dabei aber immer, vor allem auch für Lehrkräfte, die aktuelle Kinderliteratur im Blick zu haben, die vielleicht bestimmte Interessen der Kinder besser widerspiegelt als Klassiker aus der eigenen Vergangenheit. Bewährtes und Neues zu kennen ist wichtig, damit Kinder ein offenes und adäquates Weltverständnis entwickeln können.

Das gilt auch für die Illustrationen, die in alten Ausgaben, ihrer Entstehungszeit entsprechend, oft sehr stereotyp gehalten sind oder dem typischen Kindchen-Schema folgen. Ich fände es wichtig, damit aufzubrechen und Kindern auch andere Illustrationsstile zu zeigen, wie zum Beispiel die von Nikolaus Heidelbach oder Květa Pacovská. Kinder sind hier ohnehin oft offener und neugieriger als Erwachsene und haben Spaß daran, neue Bildwelten zu entdecken.

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